«Ich musste Geduld und Genügsamkeit üben»

Gespräch mit dem Cousin – Der ehemalige Grüne Grossrat Jonas Fricker über seine Aufgabe als Hausmann und Vater

VON ADRIAN HUNZIKER

Um die Berufskarriere seiner Frau zu unterstützen, zog Jonas Fricker mit Frau und Tochter vor über einem Jahr nach Amsterdam. Dabei tauschte er sein engagiertes Politik- und Berufsleben auf einen Schlag gegen das Hausmannsleben ein. Wir treffen uns in der Brugger Altstadt, als die Familie Fricker über die Festtage zu Besuch ist.

Familieninterview: Jonas Fricker und Adrian HunzikerJonas Fricker mit seiner Tocher auf dem Arm und Cousin Adrian Hunziker in der Brugger Altstadt. (Foto: CHRIS ISELI)

Wie kam es dazu, dass du mit deiner Familie in Amsterdam lebst?
Gleichberechtigung ist mir ein Anliegen. Dazu braucht es neben der beruflich ambitionierten Mutter auch den entsprechenden Vater. Meine Frau Regula hatte die Chance, Assistenzprofessorin für politische Kommunikation an der Universität von Amsterdam zu werden. Diese Chance wollten wir packen.

Wie sieht dein Alltag in Amsterdam aus?
Hauptsächlich bin ich Vater und Hausmann. Neben den üblichen Hausarbeiten stehen die Betreuung und Erziehung unsere Tochter Svenja im Zentrum. Zudem arbeite ich noch am Institut für Nachhaltige Entwicklung der ZHAW (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften) in Winterthur, wo ich bereits zuvor arbeitete. Und natürlich lerne ich Holländisch.

Wie hast du dich in Amsterdam eingelebt?
Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Der Übergang war schwierig. In der Schweiz war ich viel unterwegs und hatte ein sehr grosses Beziehungsnetz. In Amsterdam kam ich am Anfang fast nie aus der Wohnung und hatte wenig soziale Kontakte. Wenn Svenja in der Krippe war, arbeitete ich zu Hause am Computer. Es war November und die Dunkelheit schlug mir zusätzlich aufs Gemüt. Aber mittlerweile haben wir über die Krippe und die Arbeit von Regula Freunde gefunden. Und ich geniesse die viele Familienzeit. Die Stadt selber gefällt mir sehr gut, vor allem die Velomentalität «on the bike you are the boss». Da könnten wir uns in der Schweiz etwas davon abschneiden.

Und die Umstellung vom Forscher und Politiker zum Hausmann hat dir keine Mühe bereitet?
Doch, als Hausmann und Vater musste ich Geduld und Genügsamkeit üben. Die Arbeit ist oft repetitiv und unbezahlt. Die externe Bestätigung fehlt fast gänzlich. Dafür bin ich unabdingbar sowie Tag und Nacht im Einsatz oder «auf Pikett». Interessant ist, dass auch gewisse Elternrollen veränderbar sind. So war in der Schweiz meine Frau die primäre Bezugsperson für Svenja. In Amsterdam bin ich es.

Wie wichtig ist dir die Familie?
Im Niederländischen gibt es das Wort «gezin» für Eltern und Kinder. Und «familie» für Grossfamilie. Mir sind beide wichtig. Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft, in der man viel Solidarität lebt und sich verbunden fühlt. Wenn etwas passiert wie beispielsweise Schicksalsschläge, dann nimmt man Anteil. Und auch ökonomisch ist man eine Einheit. Diese kleinste Zelle der Gesellschaft finde ich schon sehr zentral. Bevor ich eine eigene «gezin» hatte, war die Familie zwar wichtig, aber ich fühlte mich verhältnismässig vogelfrei und ungebunden. Seit ich ein eigenes Kind habe, hat mich das auch wieder näher zu meinen Eltern gebracht. Denn ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass man jemanden so fest lieben kann, wie ich Svenja liebe. Und die Vorstellung, dass meine Eltern mich auch so fest lieben, ist schon sehr eindrücklich.

Ich kann sagen, du bist der Cousin, mit dem ich am meisten Kontakt hatte, bevor du nach Amsterdam gezogen bist. Wir spielten ab und zu auch zusammen Fussball. Inwiefern sind wir zwei denn Familie?
(Denkt nach). Wir sind verwandt und wir waren räumlich nahe, sind beide im Grossraum Baden aufgewachsen. Das macht viel aus. Hinzu kommt, dass wir Weihnachten zusammen feierten, Fussball spielten, ungefähr dasselbe Alter und überschneidende Kollegenkreise haben. Aber es ist halt immer ein Aufwand, Beziehungen zu pflegen. Auch Blutsverwandtschaften sind keine Selbstläufer.

Wir zwei Cousins haben aber eine spezielle Verbindung. Definieren kann ich diese auch nicht. Was meinst du dazu?
Ich machte einmal einen Test bei einem Consulting-Büro. Ich beantwortete Fragen und die Auswertung sollte zeigen, was für ein Typ ich bin und mir wurde ein Beruf zugeordnet. Weisst du, was rauskam?

Nein, erzähl.
Mir wurde Journalist zugeordnet (beide lachen). Und du bist ja Journalist, also ist doch wohl einiges ähnlich bei uns.

Kommen wir noch einmal zurück zur letzten grossen Veränderung in deinem Leben. Bevor du nach Amsterdam zogst und Hausmann wurdest, warst du politisch stark aktiv, standest häufig im Mittelpunkt und warst eine öffentliche Person. Hat dir der Wechsel keine Probleme bereitet?
Nein. Ich stehe heute viel mehr im Mittelpunkt als früher – aus den Augen meiner Tochter betrachtet. Ich stehe einfach nicht mehr in der Öffentlichkeit. Aber ich bin und bleibe ein politischer Mensch. Ich mache nicht einfach die Faust im Sack, wenn mir etwas nicht passt. Ich überlege mir, was ich tun kann, um es zu ändern. Und dann – volle Kraft voraus.

Inwiefern hast du die holländische Politik kennen gelernt?
Ich habe Kontakt gesucht mit den Grünen in Amsterdam. Ich war auch an einer Fraktions- und einer Parlamentssitzung. Zudem verfolgte ich die nationale Ebene. Im April wurde die Regierung aufgelöst, worauf im September das Parlament neu gewählt wurde. Das war spannend.

Wie unterscheidet sich die holländische Politik zu der in der Schweiz?
Die Diskussionskultur in Holland entspricht mir beispielsweise mehr. Dort geht es im Parlament recht spassig und lebhaft zu und her. Es gibt regelrechte Debatten: Man nimmt Bezug und reagiert spontan auf die Vorrednerinnen. Zudem läuft die niederländische Politik professioneller ab als in der Schweiz. Zum Beispiel stellen die Parteien schon auf lokaler Ebene Fachpersonen an, die politische Dossiers vorbereiten. Negativ fiel mir auf, dass die täglichen Wahlprognosen, die Medienberichterstattung zu stark beeinflussten. Und dass sich die Parteien im Wahlkampf nur auf einen Kopf fokussierten.

Jetzt erzählst du, wie die Politik in Holland funktioniert und ich erkenne gleich das Feuer, das ich von dir als Politiker kenne. Reizt es dich denn nicht mehr, wieder etwas bewegen zu können?
Doch natürlich. Ich freue mich darauf, mich wieder politisch zu engagieren, wenn wir in die Schweiz zurückkehren. Aber ich engagiere mich jetzt auch, einfach auf anderen
Ebenen: in der Familie und in der Krippe.

Das Feuer ist also noch da?
Ja es ist ganz klar noch da, aber auf eine andere Weise. In der Politik gilt es, durch geschicktes Verhandeln seine Werte durchzusetzen. Als einzelner Politiker ist man aber schwach und unbedeutend. Das ist bei meiner Tochter Svenja natürlich ganz anders. Als Vater bin ich ihr Pfleger und Begleiter. Daher ist da ein anderes Feuer da. Es ist mehr Liebe und Fürsorglichkeit, in der Politik mehr kämpferisch.

Also wirst du nach deiner Rückkehr wieder politisch aktiv sein?
Ja auf jeden Fall. Zurzeit bin ich jedoch politisch und beruflich auf Stand-by. Mein Fokus liegt auf der Familie und beruflich hat meine Frau Priorität.

Die Gesprächspartner

Jonas Fricker (35) war während vier Jahren Präsident der Grünen Aargau, vertrat die Partei drei Jahre im Grossen Rat und war acht Jahre Einwohnerrat in Baden. Er lebt derzeit mit seiner Familie in Amsterdam, wo seine Frau als Assistenzprofessorin für politische Kommunikation an der Universität arbeitet. Fricker kümmert sich als Hausmann vornehmlich um die gemeinsame Tochter und arbeitet nebenbei am Institut für Nachhaltige Entwicklung der ZHAW. Fricker ist der Cousin von Adrian Hunziker (33). Dieser machte ein Praktikum im Sportressort und arbeitet nun seit eineinhalb Jahren als Polizeireporter für die «Nordwestschweiz» und die «Aargauer Zeitung. (NCH)

Familieninterview als PDF: Nordwestschweiz_04.01.2013
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